Elektrotherapie: Was ist heute für die physiotherapeutische Praxis relevant?

Frau Soeder, welchen Stellenwert hat Elektrotherapie heute in der physiotherapeutischen Praxis?
„Elektrotherapie hat heute einen wichtigen und zunehmend differenzierten Stellenwert in der Physiotherapie. Dabei sollten wir nicht nur an therapeutische Stromanwendungen denken. Elektrophysiologische und biofeedbackgestützte Assessmentverfahren können uns beispielsweise Informationen über neuromuskuläre Aktivität, Rekrutierung, Koordination oder Relaxationsfähigkeit liefern. Das hilft uns, Therapien gezielter und individueller zu planen. Das Anwendungsspektrum ist breit: Es reicht von chronischen Schmerzsyndromen und muskuloskelettalen Beschwerden über die neurologische Rehabilitation bis hin zu spezialisierten Bereichen wie der Beckenbodentherapie. Ent- scheidend ist für mich, dass wir uns von der Vorstellung einer unspezifischen ‚Stromtherapie‘ lösen. Moderne Elektrotherapie bedeutet befundorientiertes und individualisiertes Arbeiten.
Assessment, gezielte Stimulation, aktive physiotherapeutische Intervention und Evaluation gehören zusammen. Dafür braucht es klinisches Reasoning und Fachwissen: Welches Verfahren passt zu welchem Befund und Therapieziel? Welche Parameter sind geeignet? Und wie überprüfe ich anschließend den Behandlungserfolg? So verstanden ist Elektrotherapie kein isoliertes passives Verfahren, sondern Teil einer modernen, evidenzbasierten Physiotherapie.“
Wo sehen Sie aktuell besonders spannende Entwicklungen und Potenziale?
„Besonders spannend finde ich die zunehmende Individualisierung elektrotherapeutischer Verfahren und ihre Verbindung mit modernen Assessmentmöglichkeiten. Je differenzierter wir Befunde erfassen, desto gezielter können wir entscheiden, welches Verfahren für eine Patientin oder einen Patienten geeignet ist und Veränderungen im Therapieverlauf nachvollziehen. Ein wissenschaftlicher Schwerpunkt meiner eigenen Arbeit liegt auf Endometriose und chronischem Beckenschmerz. Mich interessiert insbesondere, wie elektrische Stimulation auf Grundlage physiotherapeutischer Befunde und der individuellen Symptomatik sinnvoll in ein multimodales Behandlungskonzept eingebunden werden kann. Großes Potenzial sehe ich außerdem in der Neuromodulation, von peripheren Stimulationsverfahren bis hin zu nicht-invasiven zentralen Verfahren. Bei allen technischen Möglichkeiten gilt für mich aber: Innovation allein reicht nicht.
Wir müssen wissen, welches Verfahren für welche Patient*innen und welche Indikation sinnvoll ist, welche Dosierung und Parameter geeignet sind und ob die Ergebnisse tatsächlich klinisch relevant sind. Hier sollte die Physiotherapie eine aktive Rolle übernehmen. Wir sollten neue Technologien nicht nur anwenden, sondern aus unserer klinischen Arbeit Forschungsfragen entwickeln und unsere Expertise stärker in wissenschaftliche Projekte einbringen.“
Beim GESET-Symposium treffen unterschiedliche Fachrichtungen aufeinander. Warum ist dieser Austausch auch für Physiotherapeut*innen wichtig?
„Viele Entwicklungen in der Elektrotherapie und Neurostimulation entstehen heute an den Schnittstellen verschiedener Professionen. Physiotherapeutinnen können viel aus dem Austausch mit Medizin, Neurowissenschaften und anderen therapeutischen Disziplinen mitnehmen. Gleichzeitig bringen wir selbst eine wichtige Perspektive ein: unseren Blick auf Funktion, Bewegung, Aktivität und Teilhabe sowie unsere kontinuierliche Arbeit mit den Patientinnen. Ich erlebe in meiner eigenen klinischen und wissenschaftlichen Arbeit, wie wertvoll unterschiedliche Perspektiven sind. Gute interprofessionelle Zusammenarbeit bedeutet für mich nicht, dass alle dasselbe tun. Im Gegenteil: Jede Profession bringt ihre spezifischen Kompetenzen ein. Dazu gehört auch der Austausch mit Herstellern medizinischer Technologien. Physiotherapeutinnen arbeiten täglich mit Patientinnen und können beurteilen, wie sich Technologien sinnvoll in therapeutische Abläufe integrieren lassen und wo Weiterent-wicklungsbedarf besteht. Wichtig sind dabei immer Transparenz, wissenschaftliche Fundierung und professionelle Unabhängigkeit. Deshalb freue ich mich auf das GESET-Symposium in Dresden. Es bietet die Möglichkeit, neue Impulse aufzunehmen, die physiotherapeutische Perspektive sichtbar zu machen und miteinander ins Gespräch zu kommen.“
Wissenschaftliche Erkenntnisse in den Praxisalltag zu übertragen, ist nicht immer einfach. Worauf sollten Physiotherapeut*innen beim evidenzbasierten Einsatz von Elektrotherapie achten?
„Für mich beginnt evidenzbasierte Elektrotherapie damit, das eigene Wissen kontinuierlich weiterzuentwickeln und das therapeutische Handeln immer wieder zu hinterfragen. Dabei helfen ganz konkrete Fragen: Welches Verfahren setze ich ein? Welches Ziel möchte ich erreichen? Welche Evidenz gibt es für diese Indikation? Welche Parameter wurden untersucht? Und wie überprüfe ich den Behandlungserfolg?
Evidenzbasierte Praxis verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit klinischer Expertise und der individuellen Situation der Patient*innen. Elektrotherapie sollte deshalb nicht nach einem Standardschema eingesetzt werden. Schmerzmodulation, neuromuskuläre Aktivierung, Biofeedback oder funktionelle Elektrostimulation verfolgen unterschiedliche Ziele und erfordern entsprechend unterschiedliche therapeutische Strategien. Ebenso wichtig ist für mich die Verbindung mit aktiver Physiotherapie. Mein Rat an die Kolleg*innen lautet deshalb: Offen bleiben, kritisch hinterfragen, die eigene physiotherapeutische Kompetenz einbringen und wissenschaftliche Erkenntnisse in das therapeutische Handeln übersetzen.“
Sie leiten die AG Elektrotherapie bei Physio Deutschland. Was beschäftigt die AG derzeit und was möchten Sie für die Kolleg*innen erreichen?
„Wir möchten die Elektrotherapie in ihrer ganzen fachlichen Breite sichtbarer machen und eine Plattform schaffen, auf der Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zusammenkommen, sich vernetzen und gemeinsam Ideen entwickeln können. Aktuell überarbeiten wir unsere Curricula und entwickeln unsere Fortbildungsangebote weiter. Außerdem möchten wir unsere Referentinnen mit ihren unterschiedlichen fachlichen Schwerpunkten stärker vorstellen. In unserem Team steckt viel Expertise und wir möchten, dass Kolleg*innen dieses Wissen noch besser kennenlernen und nutzen können. Parallel arbeiten wir an einer Therapeutinnenliste nach Fachbereichen. Damit möchten wir die fachliche Vernetzung erleichtern und perspektivisch auch Patientinnen eine bessere Orientierung bei der Suche nach entsprechend qualifizierten Therapeut*innen ermöglichen. Auch den internationalen fachlichen Austausch wollen wir weiter ausbauen. Was mir besonders wichtig ist: Eine AG lebt von den Menschen, die ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Ideen einbringen.
Deshalb sind wir offen für Kolleginnen, die sich für Elektrotherapie, neue Technologien und Wissenschaft interessieren, ebenso wie für Expertinnen aus anderen Fachdisziplinen. Das GESET-Symposium in Dresden ist eine gute Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Viele Mitglieder und Referent*innen unserer AG werden vor Ort sein. Wer Fragen oder Ideen mitbringt oder uns einfach kennenlernen möchte, ist herzlich eingeladen, uns anzusprechen. Vielleicht entsteht aus einem solchen Gespräch schon die nächste Fortbildung, Kooperation oder Forschungsfrage.“